Huere grusig
von Christian Holst. Durchschnittliche Lesezeit: etwa eine Minute.
In Zürich sieht man allerdings auch keine bessere Oper als in Bremen. War dort vorgestern in der Zauberflöte, in einer Inszenierung von Martin Kusej, dirigiert vom Godfather unter den lebenden Mozartdirigenten: Nikolaus Harnoncourt. Die Regie fußte auf der mittlerweile nicht mehr neuen und ohnehin recht müßigen Frage, ob nicht eigentlich Sarastro der Böse ist und er sich einen makabren Scherz mit Tamino und Co. macht. Von wegen Spaßgesellschaft und so. Die Feuer- und Wasserprobe wurde nämlich in Richtung »Ich bin ein Star – Holt mich hier raus« ausgelegt. (Was war das überhaupt nochmal? – Ach ja!) Wenn das mal keine originelle »Lesart« ist.
Musikalisch war ich ebenfalls etwas enttäuscht. Zum einen wahrscheinlich, weil mich gleich der erste Regieeinfall verstimmt hatte, demgemäß sich ein paar schlecht schauspielende Chorsänger auf dem Boden wanden und mit Gummischlangen kämpften. Damit war meine grundsätzliche Aufgeschlossenheit gegenüber dem, was aus Richtung Bühne kam, schon mal gedämpft.
Zum anderen hatte ich von Harnoncourt nicht weniger als eine musikalische Offenbarung erwartet. Aber was er machte, war doch eher selbstgefälliges, routiniertes Mozart-gegen-den-Strich-bürsten. Zuerst verfehlte das auch seine Wirkung nicht: der Anfang der Ouvertüre kam so ausgedünnt und spröde aus dem Orchestergraben, dass die Musik ganz ungewohnt modern klang. Dann gab es immer mal wieder ein paar Klangrede-Mätzchen (einzelne Phrasen in sehr eigenwilligem Tempo, mehr gesprochen als gesungene Stellen etc.) und nach einer halben Stunde habe ich gedacht: Ja, witzig, aber ist halt doch nur Mozart. Nach der Vorstellung las ich dann noch in der Theaterzeitung, dass Harnoncourt in der Zauberflöte »ein flammendes Plädoyer für die Liebe und gegen all jene reglementierenden Kräfte sieht, die ihrer Entfaltung im Wege stehen«. (Das stimmt wohl für Zweidrittel aller Opern.) So nichtssagend war sein Dirigat nun allerdings nicht.
Aber alles in allem führt es doch zum Fazit: `Sch huere grusig gsi.

christian, du alter musikjournalist. wenigstens ist dein kommentar unterhaltsam zu lesen. geh mal öfter in die oper!
Danke für das Kompliment. Der nächste Opernbesuch ist für Fr., 16.3. in Bern angedacht. Dort soll es einen Figaro geben, dessen Bühnenbild an eine Vulva erinnert. Regietheater, ick hör dir trapsen!