Es gibt schon sehr merkwürdige Museen. Als sei ein Osterhasen-Museum oder ein Stoßstangenmuseum nicht verrückt genug, gibt es in München sogar ein Bourdalou-Museum. Wer weiß schon was ein Bourdalou ist? Google natürlich. Im Netz findet man dazu in etwa folgende Geschichte, deren Wahrheitsgehalt allerdings nicht gesichert ist.
Am Hof des Sonnenkönigs Ludwig XIV. pflegte ein Jesuitenpater namens Louis Bourdaloue nicht enden wollende, aber offenbar sehr fesselnde Predigten zu halten. Um zwischendurch nicht austreten zu müssen und womöglich etwas entscheidendes zu verpassen, kamen einige Damen des Hofes auf die Idee, Saucieren mit in die Kirche zu nehmen, um ggf. ihre Blase leeren zu können. Angeblich war das leicht möglich, da erstens die weiten Röcke permanent knisterten und raschelten und verdächtige Geräusche weitgehend übertönten und es zweitens nicht üblich war, Unterwäsche zu tragen. Unklar bleibt höchstens, wie die randvolle Sauciere diskret wieder aus der Kirche hinausbefördert werden konnte.
Wie auch immer, pfiffige Geschäftsleute kamen auf die Idee, Gefäße herzustellen, die für den besagten Zweck noch besser geeignet waren als Saucieren und zudem mit anspielungsreichen Verzierungen, frechen Bonmots und sogar mit verspiegeltem Boden versehen waren. Dem Jesuitenpater wurde die zweifelhafte Ehre zuteil, als Namensgeber für diese praktischen Gerätschaften zu dienen.
Das Deutsche Historische Museum in Berlin hat die »goldenen Raffzähne 2007« für das unfairste Praktikum des Jahres »gewonnen«. Das Kulturmanagement-Blog hofft auf die Selbstregulierungskräfte des Web, die bislang allerdings noch nicht greifen. Also sollte man doch noch einmal in aller Deutlichkeit sagen, dass diese Form des Mäzenatentums eine Sauerei ist. Legt man eine ausbildungsadäquate Bezahlung zugrunde, sichert sich das Museum auf diese Weise eine Spende in Höhe von etwa 25.000-30.000 EUR!! Jeder andere Spender bekäme für diesen Betrag zuallermindest eine äußerst prominente Platzierung auf der Tafel der Freunde und Förderer in der Kassenhalle.
Einmal Solo-Cellist der Berliner Philharmoniker sein? Das Web macht es möglich. In einem kleinen Online-Spiel kann man den Schwan aus Saint Saëns Karneval der Tiere spielen. Je geschickter man den Bogen führt, umso besser klingt es. Zum Glück muss man nicht auch noch greifen.
Ich habe 3622 Punkte erreicht und folgendes schmeichelndes Urteil zu meinem Spiel erhalten:
Bravo. Bellisimo. Genieße den Applaus. So schnell kann es im Internet gehen: Gestern musstest Du noch Aliens durchs interplanetare Vakuum jagen. Und schon heute kannst Du Dich als gefeierter Kulturträger zu Ruhe setzen. Es sei denn, Du suchst nach Perfektion. Dann probiers noch mal.
Ich bin eben doch ein guter Cellist, nur nicht im echten Leben.
Kunst und Kultur in Hamburg gibt es als Rechenaufgabe oder Predigt, sagt Harriet Köhler in einem Artikel in der Zeit. Während in der Residenzstadt Münchner kunstbeflissene Herrscher eine reichhaltige kulturelle Infrastruktur geschaffen haben, war Kultur in Hamburg immer Sache engagierter Bürger, die in Sachen Finanzkraft und Einfluss mit größenwahnsinnigen Königen natürlich nicht mithalten konnten.
Zur Musik wird in dem Artikel nichts gesagt, was aber nicht daran liegen kann, dass es dessen Tenor widersprechen würde. Während die Bayerische Staatsoper in der Champions League der internationalen Opernhäuser spielt, bewegt sich die Hamburgische Staatsoper auf einem mittleren Bundesliga-Tabellenplatz. Und auch das Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks spielt in einer anderen Preisklasse als das sicher nicht schlechte NDR-Sinfonieorchester. Ein Hamburger Pendant zu den Münchner Philharmonikern gibt es gar nicht erst. Daran wird auch die Elbphilharmonie nichts ändern, obwohl sie sicher eine bessere Akustik haben wird als der Gasteig.
Ich gehöre nicht direkt zu den Karajan-Fans, aber es ist ganz faszinierend zu sehen, wie er probt, hier Schumanns 4. Symphonie mit den Wiener Symphonikern. Er weiß genau, was er will, hat klare und präzise Vorstellungen von dem, was er hören möchte, und er kann sie klar und anschaulich vermitteln. Etwas anstrengend finde ich allerdings sein überkandideltes Gehabe.
Gestern hatte ich Gelegenheit in der Staatsoper Berlin Gustavo Dudamel zu erleben. Dudamel hat als Dirigent des Simón Bolívar-Jugendorchesters eine außerordentliche Karriere hingelegt und ist seit kurzem groß im Geschäft mit Vertrag bei der Deutschen Grammophon, Gastdirigaten an den großen Opernhäusern und großen Orchestern, derzeit einem Chefposten bei den Göteborger Symphonikern und ab 2009 beim Los Angeles Philharmonic.
Mein Eindruck war allerdings eher der vom grundsoliden Kapellmeister als der vom »charismatischen Pultstar«, was im Großen und Ganzen für Dudamel spricht. Er dirigierte La Bohème sehr präzise, konzentriert und souverän und sah seine Aufgabe offenbar vor allem darin, den Sängerinnen und Sängern den roten Teppich auszurollen. So wurde es eine feine, dezente Bohème auf hohem Niveau. Allerdings fehlte so auch der Funke Inspiration, den ein Pultstar, kaum aber ein Kapellmeister entzünden kann.
Herbert von Karajan wäre dieses Jahr 100 Jahre alt geworden. Deswegen liest (und hört und sieht) man zur Zeit aller Orten über ihn. Unter anderem im aktuellen Heft ZEIT Geschichte, wo auf 96 Seiten dem »Wunder Karajan« nachgegangen wird.
Der interessanteste Artikel ist sicher das Interview mit Nikolaus Harnoncourt, der als junger Cellist unter Karajan gespielt hat und später zu dessen Antipoden hochstilisiert wurde. (Naja, in musikalischer Hinsicht war er es auch.) Ein bisschen behämmert wirkt es, wie die Interviewer unermüdlich versuchen, eine große Kluft zwischen Harnoncourt und Karajan herbeizureden. Harnoncourt dagegen spricht mit großem Respekt vom Super-Maestro und dass es ein paar Missverständnisse gegeben habe, die durch Medienberichterstattung zustande gekommen seien. Ebenfalls interessant finde ich den Artikel von Peter Gülke, der versucht, das Besondere an Karajans Kunst zu definieren. Andere Artikel sind dagegen leider völlig belanglos, etwa Christine Lemke-Matweys Spurensuche in Berlin oder Wolfram Görtz’ Portrait, und beide ärgerlicherweise auch noch ein einem selbstgefälligen Bescheidwissertonfall geschrieben. Immerhin sehr unterhaltsam ist Klaus Umbachs Artikel über Karajan und das liebe Geld.
Schließlich kommen auch ein paar Zeitzeugen zu Wort, darunter Anne-Sophie Mutter, Christa Ludwig und Christian Thielemann. Sie bilanzieren Karajans künstlerisches Vermächtnis etwa so: seine Bach- und Mozart-Interpretationen sind nichts, sein Beethoven ist in Ordnung und wirklich gut sind sein Wagner, Bruckner, Strauss und Debussy. So sieht es aus.
Eric Clapton hebt zum Solo an, lässt die Gitarre jaulen - und je schlimmer es klingt, je weniger Töne er trifft, umso verzückter schaut Clapton in die Menge, dann an die Decke, den Kopf in den Nacken gelegt, die Augen halb geschlossen.
Ja, so ist das bei Clapton. Tatsächlich geht es in dem Spiegel-Online-Artikel, aus dem das Zitat stammt, jedoch um den Finnen Santeri Ojala. Dessen Hobby ist es, Musikvideos von sog. Gitarrengöttern mit einigermaßen fingersynchronen Geschmacksproben seiner eigenen, nicht sonderlich weit entwickelten gitarristischen Fähigkeiten zu unterlegen.
(Hört ihr den Unterschied zum Original? Also, ich nicht. ) Diva Yngwie Malmsteen jedenfalls versteht da keinen Spaß und geht wegen Urheberrechtsverletzung gegen Ojalas Clips vor. Steve Vai bewies natürlich etwas mehr Humor und meinte:
Wenn ich so schlecht spielen würde, könnte ich es vielleicht endlich zu MTV und in den ‘Rolling Stone’ schaffen und eine richtige Karriere haben.
Tja, Pech gehabt, Steve. Der Werbeblogger, wo ich auf das Thema gestoßen bin, rät den Betroffenen ebenfalls zu entspannterem Umgang mit dem Thema und liefert gleich Ideen, wie sich der Spieß nutzbringend umdrehen ließe.
Nachtrag, 20.2.: Hier gibt es weitere Geschmacksproben Was hat Malmsteen bloß? Es ist definitiv der witzigste Spot von allen! Danke, Frank, für den Link!
Scheinbar haben viele Länder ihre Sorgen und Nöte mit ihren Nationalhymnen. Spaniens Hymne hatte bislang keinen Text und wird, wie es aussieht, auch weiterhin keinen haben. In der Schweiz gibt es zwar einen Text, aber was für einen! Kein Wunder also, dass eine Initiative dafür eintritt, einen neuen Text zu erfinden. Mein Vorschlag: Wenn man schon dabei ist, auch gleich neue Musik dazu! Das ist doch überhaupt kein Vergleich mit der deutschen Hymne, die zwar aus verständlichen Gründen auch nicht unumstritten ist, die aber, zumindest in der prachtvollen Interpretation von Herbert von Karajan und den Berliner Philharmonikern, zum Patriotismus förmlich zwingt.
Ich finde es sehr traurig, dass es eine Barriere gibt zwischen der klassischen Musik und dem, was junge Leute hören.
klagt Paavo Järvi, Chefdirigent des HR-Sinfonieorchesters, und hat deswegen das Music Discovery Project ins Leben gerufen. Ich persönlich vermute zwar, dass die Barriere z.B. zwischen Techno und Heavy Metal sehr viel größer ist als die zwischen Klassik und Pop, aber das soll hier mal dahingestellt bleiben.
Järvi jedenfalls hat im Rahmen dieses Music Discovery Projects mit dem Musikproduzenten Mousse T. zusammen ein Programm konzipiert mit dem Titel A Taste of Beethovens 5th. Dieser Titel trifft es recht gut. Ich finde, diese Stücke mit den Beethoven-Samples sind originell und gut gemacht. Auch die Idee, das ganze um nicht-musikalische »Performances« zu (Tanz, Video) erweitern, ist nicht schlecht. Auf jeden Fall macht es Spaß, sich die Aufzeichnung des Konzerts anzugucken. Damit ist ja schonmal viel gewonnen.
Mir ist allerdings die musikpädagogische Strategie nicht so ganz deutlich. Möchte man auf diese Weise mittelfristig dahin kommen, dass Mousse T.-Fans in ganz normale Sinfoniekonzerte gehen, wo Beethoven dann nicht mehr so groovt? Ich bezweifle, dass dieser Plan aufgeht. Oder reicht es dem Orchester, junge Leute zu erreichen, indem es Klassik-Versatzstücke zu Musik beisteuert, die diese eigentlich hören wollen? Das kann auch nicht der Anspruch eines Kulturorchesters sein.
Nachtrag, 18.2.: In der FR gab es heute eine Besprechung zu dem Event mit etwa gleichen Erkenntnissen.