In letzter Zeit hat das Internet ordentlich auf die Mütze bekommen. Zuletzt warnte Der Spiegel mit großem Aufmacher (zu großen Teilen »inspiriert« von The Atlantic) vor drohender Massenverdummung und löste heiße Debatten damit aus, natürlich auch und gerade in der sog. Blogosphäre (siehe u.a. hier, hier, hier, hier und hier).
Ein Punkt, der m.E. in dieser Diskussion zu kurz kam, ist die Tatsache, dass all der Schwachsinn, der ja unbestritten auch im Internet kursiert, durch dieses nicht erzeugt, sondern nur sichtbar gemacht wird. Der Preis der Vergesellschaftung der Medien und das damit einhergehende Anwachsen der kursierenden Datenmengen und -ströme ist, dass man vermehrt mit Inhalten konfrontiert wird, die für einen wertlos sind. Das Rauschen wird lauter und es wird schwieriger den Unterschied herauszuhören, der einen Unterschied macht.
Die Internetschelte macht zudem deutlich, wie viele Leute in ihren Kommunikationsvorstellungen von einem linear gedachten Sender-Empfänger-Modell geprägt sind: Einer sendet eine Information (aktiv), der andere empfängt sie (passiv). Das Kommunikationsmodell von Friedemann Schulz von Thun zeigt auf anschauliche Arte und Weise, dass dieses Modell schon in der Offline-Welt nicht taugt, weil der Empfänger (sofern er keine triviale Maschine ist) nicht passiv, sondern selbst aktiv, nämlich interpretierend, an der Kommunikation beteiligt ist. Er muss die empfangenen Daten »in Formation« bringen, wie Klaus Jarchow schreibt, damit sie auch eine Information darstellen.
Im Netz ist dieser systemische Aspekt von Kommunikation besonders sinnfällig. Hier gibt es ganz offenkundig nur noch vernetzte, informationsverarbeitende Schaltstellen. Informationen werden aufgenommen, verarbeitet und an andere Schaltstellen weitergeleitet, die das Signal wieder aufnehmen, verarbeiten, weiterleiten usw. usf.
Eigentlich schien es, als sei Nike Wagner im Rennen um die Nachfolge von Wolfgang Wagner bereits klar abgehängt, nachdem Eva Wagner-Pasquier nach zunächst gemeinsamer Bewerbung mit Nike zur Feindin Katharina übergelaufen war und mit der ein Konzept eingereicht hatte. Nikes kürzlich gemachte Äußerung, sie werde bei der Bewerbung weiter dran bleiben, klang daher eher nach verbittertem Trotz als nach einer realistischen Chance. Jetzt zaubert sie mit Gérard Mortier einen Partner als Trumpf aus dem Ärmel, der stechen dürfte, wenn der Stiftungsrat auf Basis der fachlich-künstlerischen Kompetenz über Wolfgang Wagners Nachfolge entscheiden sollte.
Die FAZ hat das wirklich bühnenreife Ränkespiel heute ausführlich geschildert und kommentiert:
Julia Spinola jubelt über die Bewerbung Mortiers und Patrick Bahners kommentiert die neue Konstellation. In einem kurzen Abriss wird die einzigartige Geschichte des Familienunternehmens Bayreuther Festspiele nachgezeichnet. Und zuletzt gab es noch die Befürchtung, dass Wolfgang Wagner angesichts der neuen Situation einen Rücktritt vom Rücktritt macht.
Noch einen Schritt weiter als Montero geht Bobby McFerrin. Bei ihm ist das Publikum nicht spontaner Ideengeber, sondern gleich Duettpartner, wenn es über das von McFerrin intonierte Prelude aus dem Wohltemperierten Klavier das Ave Maria von Gounod singt. Als McFerrin-Nummer ist das Stück wohl fast so bekannt wie Don’t worry, be happy, das allerdings nicht diesen Gänsehautfaktor hat:
Mit dem so genannten Web 2.0 wurde die Interaktion zwischen Konsument/Publikum und Anbieter neu erfunden. Dass gerade in der Hochkultur diesbezüglich jede Menge Potenzial vorhanden ist, dürften Leser dieses Blogs mittlerweile verinnerlicht haben. Natürlich geht Interaktion aber auch ganz ohne Web 2.0, wie die Pianistin Gabriela Montero auf charmante Art und Weise zeigt:
Hier improvisiert sie bei einem Konzert in der Kölner Philharmonie über »M’r losse d’r Dom en Kölle«. Dass sie die Web 2.0-Interaktion allerdings genauso beherrscht zeigt ihre Website, wo auch das gesamte Konzert als Film verfügbar ist.
Der Künstler Johannes Kreidler denkt die urheberrechtliche Problematik der »Allverfügbarkeit von Musik im Internet (…) und dem zu Ende gegangenen Materialfortschritt« konsequent zu Ende und meldet jetzt bei der GEMA ein 33-sekündiges Stück namens »product placements« an, das 70.200 Zitate enthält. Diese Zitate müssen bei der Anmeldung angegeben werden, allerdings ist im Anmeldebogen nur ein kleines Feld dafür vorgesehen. Kreidler bleibt also nichts anderes übrig, als 70.200 Anmeldformulare auszufüllen. Diese will er am 12. September, 11 Uhr, mit einem LKW bei der GEMA abliefern. Eine gewitzte Aktion, um die Unfähigkeit eines modernen Urheberrechts zu demonstrieren, mit postmoderner Kunst und Ästhetik angemessen umzugehen.
Weitere Informationen, Reaktionen und Diskussionen sind auf der Seite von Kreidler verlinkt.
In diesem Clip offenbart die Dialektik der Aufklärung ihre tragische Seite, denn Adornos Analyse bewahrheitet sich an ihrem Verfasser selbst: Die totalitäre Kulturindustrie (hier in Schlumpfform) eliminiert alles Abseitige.
Was sollen eigentlich immer diese Slogans a la Oper für alle (oder s. auch hier und hier)? Klingt irgendwie politisch korrekt, wenn Steuergelder auf diese Weise allen zu gute kommen sollen. Genausogut kann man es aber als Zeichen für Nachholbedarf in Sachen Marketing verstehen, denn diese Aussage zeugt weder von Marken- oder zumindest Selbstbewusstsein noch von einer sauberen Zielgruppendefinition. Im übrigen würde ich mich nicht mit Sprüchen überzeugen lassen, die mir indirekt unterstellen, gemeiner Pöbel zu sein, der sich Oper normalerweise nicht leisten kann und will, der aber herzlich willkommen ist wenn es darum geht, ein paar Prozentpunkte in der Auslastungsstatistik gutzumachen.
Im Vergleich zu Elke Heidenreichs ebenfalls in der FAZ veröffentlichten Bayreuther Vision sind beide Bewerbungen relativ brav, sogar verzagt - Nikes Konzept mit einem geplanten Vorfestival zu Pfingsten unwesentlich innovativer. In den wesentlichen Punkten stimmen die Konzepte jedoch überein:
Die Festspiele sollen wieder maßstabsetzend in der Auseinandersetzung mit Wagners Musikdramen werden.
Auch in Zukunft sollen sich die Festspiele Wagners 10 Hauptwerken widmen, evtl. auch mal die Frühwerke mit aufnehmen, zumindest den »Rienzi«.
Die Wichtigkeit der Nachwuchsförderung wird betont und soll durch eine Festspielakademie (Katharina und Eva) bzw. Meisterklassenkurse (Nike und Eva) gewährleistet werden.
Zukünftig sollen mehr und jüngere Menschen erreicht werden und zwar mittles medialer Expansion, d.h. mehr DVD-Veröffentlichungen, Public Viewing, Liveübertragungen in Kinos etc.
Die Finanzierung soll zukünftig über Sponsoren und die ton- und bildkonservenmäßige Ausbeute gestützt werden.
In der Tendenz geht es Katharina und Eva schwerpunktmäßig darum, die Öffentlichkeitsarbeit auszubauen und zu professionalisieren, Nike und Eva hingegen darum, eine stimmige dramaturgische Linie in die Festspiele hineinzubringen.
Mein Fazit ist trotzdem: Egal, ob Wolfgang, Eva, Nike oder Katharina – der Unterschied ist kaum größer als beim Nachnamen.
Mozart finden alle gut. Unter den Vorzeichen, dass Ruhm Kennerschaft verüberflüssigt, muss er einem direkt suspekt werden (s. in diesem Zusammenhang auch…). Laut Falco war er schließlich nicht weniger als Superstar und Rockidol. Die folgenden Mozart-Hass-Zitate sind deswegen ausgesprochen erfrischend, zumal sie von Leuten stammen, denen man Kennerschaft nicht grundsätzlich absprechen kann.
If a man tells me he likes Mozart, I know in advance that he is a bad musician. - Frederick Delius
Mozart ist eher zu spät als zu früh gestorben. - Glenn Gould
Most of Mozart’s music is dull. - Maria Callas
Die Sinfonie in g-Moll besteht aus acht bemerkenswerten Takten umgeben von einer halben Stunde Banalität. - Glenn Gould
Vor kurzem hatte ich bereits per Twitter auf eine Studie des Statistischen Bundesamtes zum deutschen Kulturleben verlinkt. Inzwischen habe ich da auch mal reingeguckt und ein paar griffige Kennzahlen über Kulturrezeption in Deutschland herausgepickt:
Die Deutschen lassen sich ihr Kulturleben 8 Mrd. EUR im Jahr kosten, das sind 1,6% des gesamten Haushalts und 97,10 EUR pro Person im Bundesschnitt. Sachsen ist in dieser Hinsicht das spendabelste Bundesland und gibt pro Person und Jahr 155,40 EUR für Kultur aus. Das heißt aufgeschlüsselt:
137 Mio. Kinobesuche, d.h. 1,7 pro Bundesbürger und Jahr,
434 Mio. Entleihungen in Bibliotheken (d.h. 5,3 pro Bundesbürger und Jahr),
102,6 Mio. Museumsbesuche, d.h. 1,2 pro Bundesbürger und Jahr
34,8 Mio. Theaterbesuche, d.h. 0,4 pro Bundesbürger und Jahr, Tendenz übrigens rückläufig.
870.000 Menschen arbeiten in Kulturberufen, 31% mehr als 1997.
Interessant ist auch, dass die drei Stadtstaaten kulturell immer ganz vorne mit dabei sind. 7,5% der Erwerbstätigen in Berlin sind im Kulturbereich beschäftigt, in Hamburg sind es 5,9%, in Bremen 3,1%. Der Bundesdurchschnitt liegt bei 2,3%.
Bei den Theaterbesuchen pro 1.000 Einwohner liegt Hamburg mit 2.380 vorne - Stage Entertainment dürfte daran wesentlich mitschuldig sein; es folgen Bremen mit 920 (erstaunlich!) und Berlin mit 910. Der Bundesdurchschnitt liegt bei 420.