Zurüruck zum Inhalt

Die Walküre in Zürich: Wieland reloaded

Robert Wilson ist ein Regisseur, bei dem das Regiekonzept bei jeder Inszenierung genau gleich ist: durchgängig Zeitlupenbewegungen, symbolisierte, abstrakte Gesten, schlichte stilvolle Gewänder für alle Personen, dazu plateauartige, weitgehend abstrahierte Bühnenbilder, einigermaßen entlang der Handlung durchgestellte szenische Aktion – und fertig. Das funktioniert mal besser, zum Beispiel bei dem getragenen, weitgehend undramatischen Bühnenweihfestspiel Parsifal (Hamburg) und mal schlechter, zum Beispiel bei dem durchaus dramatischen Bühnenfestspiel Die Walküre, die ich gestern in Zürich gesehen und gehört habe. Ein Walkürenritt, bei dem die Walküren einfach zehn Minuten auf der Stelle stehen, ein Kampf, bei dem die Figuren meterweit voneinander entfernt stehen und ihre Waffen in Zeitlupe aufeinander zu bewegen, das macht dramatisch wenig Sinn und ist, mal abgesehen von der extremen Langsamkeit der Bewegungen, nichts anderes als Wieland Wagner reloaded. Daran ändern auch schlau klingende, aber letztlich von Unkenntnis zeugende Erklärungsansätze aus der Einführung nichts. Dort hieß es sinngemäß, es gehe nicht darum, das Vorhandene zu verdoppeln (also das in Musik und Text Ausgedrückte nun auch noch szenisch darzustellen), sondern das Fremde im scheinbar Bekannten zu zeigen. Deswegen bewegen sich die Walküren nicht und deswegen wird nicht gekämpft. In der Einführung wurde übrigens auch die weit verbreitete aber unrichtige Ansicht kolportiert, Wotan würde aus lauter Machtversessenheit gegen die eigenen Gesetze verstoßen. Der ganze Ring besteht einzig und allein deswegen aus vier Opern und endet nicht bereits nach dem Rheingold, weil Wotan gerade dies nicht tut bzw. tun kann, sondern – letztlich erfolglos – versuchen muss, eine legale Lösung für sein Problem zu finden.

Musikalisch konnte die Züricher Walküre nicht mit der Hamburger Aufführung mithalten, die ich neulich besucht habe. Philippe Jordan scheint mir ein Kapellmeister im besten Sinne zu sein: er führte Solisten und Orchester souverän durch die Partitur, manche Szenen, wie Wotans Abschied, waren wirklich grandios, andere wie die Todesverkündigung oder der Walkürenritt wirkten spröde und zerfasert, was zum Teil aber auch mit der extrem stumpfen Akustik zu tun gehabt haben dürfte. Nichtsdestotrotz: bei Simone Young konnte man jederzeit hören, dass die Beschäftigung mit dem Werk weit darüber hinaus ging, die Einsätze an der richtigen Stelle geben zu können und dem Orchester einen schönen Klang zu entlocken. Auch sängerisch ist die Hamburger Walküre deutlich überlegen. Janice Baird als Zürcher Brünnhilde wurde als indisponiert entschuldigt, deswegen lässt sich über sie eigentlich nur sagen, dass man das tatsächlich auch hören konnte. Egils Silins als Wotan erhielt sogar einige Buhrufe, da er den Text seiner Partie nicht beherrschte. Bei Wagners Stabreim fällt das durchaus auf und ist daher ärgerlich und unprofessionell sowieso; rein musikalisch war es allerdings in Ordnung. Wie in Hamburg sang auch hier Stuart Skelton den Siegmund und war mit Abstand der stärkste Sänger des Abends. Ebenfalls großartig Cornelia Kallisch als ziemlich furchteinflößende Fricka mit einer machtvollen, deklamationsstarken Stimme. Martina Serafin als Sieglinde hatte für meinen Geschmack ein zu dramatisches Timbre mit zuviel Vibrato und zu wenig lyrischen Facetten. Matti Salminen hat das Problem vieler altgedienter Wagner-Sänger, nämlich eine Stimme wie einen Trecker: kraftvoll, aber laut, schwerfällig und unsauber.

Drucken, versenden, speichern:
  • Print
  • email
  • del.icio.us
  • TwitThis
  • Google Bookmarks
  • Ma.gnolia
  • MisterWong.DE
  • StumbleUpon
  • Technorati

4 Kommentare

  1. Robert Wilson ist irgendwann einmal in seiner Entwicklung stehengeblieben. Schade eigentlich, denn seine Inszenierungen eines Duras-Stücks (ich glaube, es war “Die Krankheit Tod”) und der Black Rider haben mich damals ziemlich beeindruckt. Aber wie Du richtig schreibst: das Regiekonzept bleibt immer gleich. Aber ich schaue mir seine Inszenierungen immer noch gerne an.

    Montag, 1. Dezember 2008 um 9:29 | Permalink
  2. CH schrieb:

    Ja, beim ersten Mal fand ich es auch ganz spannend und auch vom Stück her passend, jetzt weniger. Aber es ist ja keine Seltenheit, dass Regisseure letztlich immer mit der gleichen Masche arbeiten: Neuenfels, Konwitschny etc. Da steckt fast immer die gleiche Interpretationstechnik dahinter. Und weil es im Opernbetrieb noch inzestuöser zugeht als in der Walküre, hat man dann alles ziemlich bald mindestens schon einmal gesehen. :-)

    Montag, 1. Dezember 2008 um 9:41 | Permalink
  3. Das ist ja nicht nur bei Regisseuren so. Ich erinnere mich noch an Bernhard Minetti. Er war Klasse, vor allem dann im hohen Alter als alter weiser Mann. Aber ab einem bestimmten Zeitpunkt war er einfach nur noch Minetti, völlig egal, um welches Stück es sich gehandelt hat.

    Montag, 1. Dezember 2008 um 10:54 | Permalink
  4. CH schrieb:

    Das stimmt. Minetti war vermutlich ein ziemlich guter Schauspieler und wenn man das lange genug unter Beweis gestellt hat, genießt man wahrscheinlich ziemliche Narrenfreiheit. Normalerweise ist aber gerade das ein gutes Kriterium, die Sternchen von den echten Schauspielern zu unterscheiden. In der Oper wiederum ist das schauspielerische Vermögen ja irrelevant dafür, ob jemand auf die Bühne darf oder nicht.

    Montag, 1. Dezember 2008 um 18:47 | Permalink

Einen Kommentar schreiben

Ihre Email wird NIE veröffentlicht oder weitergegeben. Benötigte Felder sind markiert *
*
*