Oper für alle?

Was sollen eigentlich immer diese Slogans a la Oper für alle (oder s. auch hier und hier)? Klingt irgendwie politisch korrekt, wenn Steuergelder auf diese Weise allen zu gute kommen sollen. Genausogut kann man es aber als Zeichen für Nachholbedarf in Sachen Marketing verstehen, denn diese Aussage zeugt weder von Marken- oder zumindest Selbstbewusstsein noch von einer sauberen Zielgruppendefinition. Im übrigen würde ich mich nicht mit Sprüchen überzeugen lassen, die mir indirekt unterstellen, gemeiner Pöbel zu sein, der sich Oper normalerweise nicht leisten kann und will, der aber herzlich willkommen ist wenn es darum geht, ein paar Prozentpunkte in der Auslastungsstatistik gutzumachen.

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Konzepte für Bayreuth

Die FAZ hat kürzlich die Konzepte für die Bayreuther Festspiele von den Bewerberinnenduos Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier sowie Nike Wagner und Eva Wagner-Pasquier abgedruckt.

Im Vergleich zu Elke Heidenreichs ebenfalls in der FAZ veröffentlichten Bayreuther Vision sind beide Bewerbungen relativ brav, sogar verzagt - Nikes Konzept mit einem geplanten Vorfestival zu Pfingsten unwesentlich innovativer. In den wesentlichen Punkten stimmen die Konzepte jedoch überein:

  • Die Festspiele sollen wieder maßstabsetzend in der Auseinandersetzung mit Wagners Musikdramen werden.
  • Auch in Zukunft sollen sich die Festspiele Wagners 10 Hauptwerken widmen, evtl. auch mal die Frühwerke mit aufnehmen, zumindest den »Rienzi«.
  • Die Wichtigkeit der Nachwuchsförderung wird betont und soll durch eine Festspielakademie (Katharina und Eva) bzw. Meisterklassenkurse (Nike und Eva) gewährleistet werden.
  • Zukünftig sollen mehr und jüngere Menschen erreicht werden und zwar mittles medialer Expansion, d.h. mehr DVD-Veröffentlichungen, Public Viewing, Liveübertragungen in Kinos etc.
  • Die Finanzierung soll zukünftig über Sponsoren und die ton- und bildkonservenmäßige Ausbeute gestützt werden.

In der Tendenz geht es Katharina und Eva schwerpunktmäßig darum, die Öffentlichkeitsarbeit auszubauen und zu professionalisieren, Nike und Eva hingegen darum, eine stimmige dramaturgische Linie in die Festspiele hineinzubringen.

Mein Fazit ist trotzdem: Egal, ob Wolfgang, Eva, Nike oder Katharina – der Unterschied ist kaum größer als beim Nachnamen.

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Unrentabel, aber das effizient

Eigentlich ist es ziemlich uncool, die eigenen Witze zu erklären, aber für meinen gestrigen Twitter-Post waren 140 Zeichen doch etwas wenig. Deswegen noch ein paar ausführlichere Worte dazu.

Bevor die Sommerpause der Theater beginnt wird die vergangene Saison bilanziert, weswegen im ZDF-Theaterkanal-Feed zur Zeit eine Erfolgsmeldung die nächste jagt, alle mit dem Ziel die eigene Arbeit zu legitimieren. Die Semperoper zum Beispiel rühmt sich stolz als effizientestes Opernhaus Deutschlands mit einem Eigeneinnahmenanteil am Gesamtbudget von 47%. Boah! Ist im Vergleich mit anderen Opernhäusern tatsächlich eine beachtliche Leistung, üblich sind um die 15%. Aber in der Logik der Erfolgsrechnung, die hier angewendet wird, ist es ein katastrophales Ergebnis: nicht mal die Hälfte der Kosten wird selbst erwirtschaftet! Was in der PR-Rhetorik »am effizientesten« genannt wird, heißt also eigentlich nichts anderes als »am wenigsten unrentabel«.

Es ist eben die Frage, wie zweckmäßig es ist, sich auf diese Logik einzulassen. Klar, der Steuerzahler hat ein Recht zu wissen, was mit seinem Geld angestellt wird. Aber der deutsche Bundestag, die Schulen oder die Polizei legitimieren ihre Arbeit auch nicht mit solchen Kennzahlen. Aus gutem Grund.

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Rutschgefahr

Bei ihren Promoauftritten für Feuchtgebiete war Charlotte Roche immer ein Garant für gute Unterhaltung. Das lag zum einen an ihr selbst und zum anderen natürlich auch am Thema. Auf youtube gibts u.a. ihre charmanten Auftritte bei der N3-Talkshow und bei Kerner, der hörbar Mühe mit dem Thema hat, zu sehen.

Von darstellenden Umsetzungen ihres Buches wollte Roche zunächst nichts wissen. Das Neue Theater Halle hat aber offenbar lange genug gebettelt und stellt sich jetzt der letzten Herausforderung des Regietheaters, wie es die Süddeutsche formuliert, indem es eine Bühnenfassung des Bestsellers herausbringt. So gering die Rutschgefahr in kommerzieller Hinsicht sein dürfte, so groß ist sie vermutlich in künstlerischer. Deswegen schon mal ein herzliches toi, toi, toi!

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Heidenreichs Bayreuther Visionen

Seit einiger Zeit veröffentlicht die FAZ so genannte Bayreuther Visionen, auf die ich hier zu deren Beginn mal verlinkt habe. Es ist schon sehr bezeichnend für die ignorante Selbstbezogenheit und Routine der maßgeblichen Opernmenschen, dass ausgerechnet Elke Heidenreich als Leiterin der Kinderoper Köln die bislang querdenkerischsten und originellsten Ideen beisteuert und es nicht bloß bei wohlfeilen Mahnungen über falsch verstandenes Traditionsbewusstsein belässt.

Ihre »Vision«, Aufführungen auf eine Großbildleinwand vor dem Festspielhaus und per Livestream im Internet zu zeigen, wird jetzt allerdings noch unter Wolfgang Wagners Intendanz Wirklichkeit. Dass man für die Freischaltung des Livestreams 49 Euro zahlen muss, davon ist bei Heidenreich allerdings nicht die Rede.

Erstaunlich und direkt wohltuend ist übrigens, wie ungewohnt zurückhaltend sich Peter Konwitschny zu der ganzen Angelegenheit verhält. ;-)

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Fußballtheater: Gaga genug für Tagesthemen

Kultureinrichtungen haben es dieser Tage schwer gegen die EM. In der Host City Zürich mussten sogar Vorstellungen abgesagt werden. Also ist es ja für die Theater eigentlich ganz naheliegend, selbst auf Fußball zu setzen: Ein Schweizer Schauspieler spielt zum Original-Radiokommentar das EM-Spiel BRD gegen DDR (0:1) nach. Volle 90 Minuten rennt er auf dem ansonsten leeren Platz (keine Mitspieler, kein Ball) die Laufwege des Torschützen Jürgen Sparwasser nach. Das ist so gaga, dass es sogar in den Tagesthemen kam.

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Theatermarketing via Klingelton

Von wegen, dass Theater sich mit der digitalen Kommunikation mit Ihren Besuchern noch schwer tun, wie ich immer gern meine. Das Theater Augsburg bewirbt seine Produktion vom weißen Rößl mit einem Klingelton: »Tritt ein und vergiss deine Sorgen, im weißen Rößl am See!«. So richtig Web 2.0 ist das zwar nicht, aber ein netter Gag und total simpel umzusetzen, wenn man mal die vermutlich sich über Wochen hinziehenden Verhandlungen mit dem Orchestervorstand außer Acht lässt. Ich stelle es mir nur schwierig vor, wenn alle Mitarbeiter aus Gründen der Identifikation mit Ihrem Arbeitgeber diesen Klingelton benutzen. Dafür ist es nicht so schlimm, wenn man als Besucher vergisst, das Handy auszustellen - vorausgesetzt es klingelt synchron zur Livemusik.

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Martenstein hadert mit der Kunst

Beim Aufräumen fiel mir eine alte Martenstein-Kolumne von Anfang 2007 in die Hand, in der er anlässlich des Skandals um Neuenfels Idomeneo-Inszenierung an der Deutschen Oper Berlin mit moderner Kunst hadert. Lesenswert und witzig wie immer.

Inhaltlich passt die Kolumne auch zu meinem vorletzten Eintrag, indem es um die Frage ging, was Kunst und Ökonomie voneinander lernen können. Während in der Wirtschaft Innovation und Fortschrittlichkeit durch das Kriterium der Nützlichkeit aussortiert werden, ist das in der Kunst nicht möglich. Dadurch wird Innovation (oder was als solche erscheint) häufig schon als Wert an sich gesehen. Dazu Martenstein:

Ein neuer Kunststil dagegen beruft sich oft lediglich auf die Tatsache, anders zu sein, und das ist genauso ein Schwachsinn, als ob man die Geranien mit der Blüte nach unten einpflanzt und dies zum Fortschritt im Gartenbau erklärt.

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Wagners Ring ohne Musik

Ob das so eine tolle Idee ist? Das Theater Heilbronn zeigt Wagners Ring als Schauspiel in einer Textfassung von Almut Fischer und K.D.Schmidt. Das ist insofern keine schlechte Idee, als Wagner als Dichter überhaupt nicht ernst genommen wird. Erst Dieter Borchmeyer fing an, mit diesem Vorurteil aufzuräumen, als er sein Buch »Das Theater Wagners« mit der erstaunlichen Erkenntnis eröffnete:

Es läßt sich nicht bezweifeln: das Werk Wagners ist der wirkungsmächtigste Beitrag des deutschen 19. Jahrhunderts zur Weltliteratur.

Borchmeyer ist aber Literaturwissenschaftler. Dass sich ausgerechnet Theaterleute als Fürsprecher für die Qualität der Wagnerschen Dichtkunst profilieren wollen, strapaziert meine Vorstellungskraft erheblich. Aber wer weiß? Wenn es schon Wagners Ring ohne Worte gibt, warum soll es dann nicht auch Wagners Ring ohne Musik geben?

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Wozu das Theater? II

Auch Gerhard Stadelmeier beschäftigt sich mit dem Theater, dass nicht mehr an sich selbst glaubt, allerdings ungleich ausführlicher und eloquenter, als ich es im vorgestrigen Eintrag getan habe. Er stellt fest:

Das Theater scheint in der panischen Angst, etwas in der Wirklichkeit draußen zu verpassen, in diesen Tagen hektisch vor sich selbst davonzulaufen.

und meint damit Theaterprojekte und -performances, die nach draußen zu den »normalen Menschen« gehen: in die Straßenbahnen, Krankenhäuser, Gefängnisse, Warenlager, Gewächshäuser etc.

So kam es, dass vor lauter Ersatz das Theater und sein ureigenstes, dramatisches Material langsam, aber sicher unter den Einfallshänden der Theatermacher sich verdünnisierte, ja vielerorts bis zur Unkenntlichkeit verschwand.

Was dazu führe, dass die Theatermacher nur noch sie selbst sein können und die Angst vor dem Spiel immer größer werde.

So wird etwas Altes, Fremdes, an Möglichkeiten eigentlich Unausschöpfbares, Überreiches nicht erobert, man macht sich nicht zu ihm auf wie zu einer Expedition ins tolle Ungewisse. (…) Man gönnt ihm keine Geschichte, keine Bezüge, keine Biographie, keine Abenteuer, keine Wunden, Narben, Würden und Schmerzen, die es auf seinen Fahrten und Stürzen durch die Zeiten erfahren hätte.

Womit auch klar wäre, was Stadelmaier ohne es so explizit zu sagen für die bessere Alternative hält: das Theater als Museum, das es sowieso längst schon ist. Alles andere ist nur die verzweifelte Ignoranz des Unausweichlichen.

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